Freitag, 7. Dezember 2012

[Film Review] The Raven


THE RAVEN
Prophet des Teufels

Erzählungen inspirieren Menschen, begeistern sie und bringen sie dazu nachzueifern. Dies sollte eigentlich immer zum Guten sein.

      Die Geschichte beginnt in der amerikanischen Stadt Baltimore des Jahres 1849. Markerschütternde Schreie erfüllen den Nachthimmel. Sofort wird die Polizei zu einem Mehrfamilienhaus gerufen und steht vor einem grausamen Bild. Eine Frau von einem Rasiermesser fast enthauptet liegt auf dem Boden und ihre zwölf Jahre alte Tochter wurde ermordet in den Schornstein gestopft. Wie mochte dies geschehen sein, rätselt die Polizei, denn als sie am Tatort eintrafen mussten sie die innen verriegelte Tür aufbrechen und der einzige Fluchtweg durchs Fenster war von ebenfalls von innen zugenagelt. Wohin konnte der Mörder verschwunden sein?

      Auf den Fall ist Detective Fields angesetzt. Er untersucht den Tatort genauer und entdeckt, dass das Fenster über ein ausgeklügeltes Metallfedersystem wenn es einmal vorgenagelt war, sich selbst vernageln konnte. Mit diesem Trick musste dem Mörder die Flucht gelungen sein. Fields ist durch diese Entdeckung verwirrt, weil sie ihm vertraut erscheint, doch weiß er nicht warum.
      Zur selben Zeit in einer Taverne, versucht der Schriftsteller Edgar Allan Poe seinem Kummer zu ertränken, weil ihn sein Konkurrent Henry Wadsworth Longfellow öffentlich als Stümper und Plagiator bezeichnete. Poe macht gerade schwere Zeiten durch und ist so gut wie pleite. Aufgrund einer Änderung in der amerikanischen Literaturkultur, konnte er derzeit nicht jede seiner Geschichten und Gedichte veröffentlichten. Mit seinem wenigen Geld gibt er unnötige Runden aus, was den Barkeeper verärgert. Aus Jux improvisiert Poe und fordert jeden heraus. Wer das Zitat aus seiner Erzahlung angefangen mit „Sagte der Rabe…“ beenden konnte, dem spendiere er ein Getränk. Müde von den Spielereien lässt der Barkeeper Poe von einigen Matrosen raus auf die Strasse werfen. Den Dreck abklopfend geht er schließlich nach Hause, nüchtern und allein.

      Auf der anderen Seite der Stadt ermittelt Detective Fields weiter im Mordfall und bei einem Gespräch mit einem Buchhändler erfährt dieser, das ein ähnlicher Fall sowie der Trick mit der Feder im Fenster, einmal in einer Geschichte von Edgar Allan Poe benutzt wurde. Erschienen ist diese im Buch „Tales of the Grotesque and Arabesque“ in den späten 1830er Jahren. Irritiert liest Fields die Geschichte und ist verwirrt von den Parallelen. Er kommt zu dem Schluss, dass er unbedingt mit Poe sprechen muss.

     Eine weitere Nacht, der Mörder schlägt wieder zu. Dieses Mal hat er einen Mann auf einem Tisch festgeschnallt. Das Opfer fleht um sein Leben. Der Mörder, geht auf eine hölzerne Plattform und zieht einen Hebel. Da saust ein rasiermesserscharfes Pendel mit einem Gegengewicht hin- und her. Es senkt sich nach jedem Schlag, schließlich teilt es den Mann in zwei Hälften. Detective Fields weiß keinen anderen Rat und tut das Einzige, was er kann, er lässt Poe zur Befragung ins Revier bringen. Letztlich sieht er ihn nicht als Verdächtigen, sondern als Berater, besonders seit der Mörder beim letzten Opfer eine Notiz für Poe hinterließ. Versteckt in einer roten Maske, die das Opfer trug. Der Serienmörder spielt ein grausames Spiel. Um zu verhindern, dass er wieder zuschlägt müssen Fields und Poe zusammenarbeiten und die Herausforderungen lösen, die der geistesgestörte Irre für sie hinterlässt.
      Für Poe ist es ein Schock, das ein Irrer von seinen Geschichten inspiriert wird und diese in die Taten umsetzt. Gleichzeitig aber zweifelt er an sich selbst, warum er sich überhaupt diese düsteren Szenarien einst ausdachte.

      Der Film wurde in dem Jahr von Edgar Allan Poe Tod, der früh kam, Ungereimtheiten und Rätsel aufgab, angesiedelt. Bis heute gibt es darüber zahlreiche Theorien, was den Filmemachern den besten Stoff für ein Drehbuch bot. Eine reale Person wird in eine fiktive Situation gebracht, die wirklich geschehen sein könnte. Als Grundlage dienen hierfür mehrere Geschichten von Poe, darunter „Der Rabe“, „Das verräterische Herz“ und „Das Pendel des Todes“, sowie seine reale Biographie. Poe war kein Kind von Traurigkeit und gerade dem Alkohol recht zugänglich.
      Regie führte bei THE RAVEN James McTeigue, der zahlreiche Filme als Second Unit Director darunter die Matrix Trilogie betreute, aber auch die Filme V wie Vendetta und Ninja Assassin inszenierte. Auffällig bei ihm sind tiefgründige Charaktere mit Ecken und Kannten hinter denen mehr, als das Oberflächige steht. Dazu versucht er die Geschichte in weitläufigen Bildern, sowie Licht und Schatten zu erzählen. In THE RAVEN mischt er eine düstere Atmosphäre mit zahlreichen Schreckmomenten. Manchmal erinnert es so an eine Kombination der Saw-Filme und CSI, wo die Taten des Mörders genau beleuchtet werden.

      Für die Umsetzung scharte McTeigue eine Reihe hervorragender Charakterschauspieler zusammen, darunter Brendan Gleeson (Brügge sehen und sterben) und Luke Evans (Kampf der Titanen, Der Hobbit) als Fields. Ohne den richtigen Edgar Allan Poe hätte der Film aber nicht funktioniert und so kam John Cusack ins Spiel. Er ist bekannt für Vielschichtigkeit und Hingabe der Rollen gegenüber. Es gelingt ihm die innere Zerrissenheit, die Poe im Jahre 1849 umgab, hervorzuheben und in die Geschichte einfließen zu lassen, die ihn hier zweifeln lässt, ob er noch bei Verstand ist. In einem Interview äußerte Cusack, das er vor und während der Dreharbeiten, immer wieder Poes Erzählungen las, um die Stimmung darin einzufangen und auf die Rolle zu projizieren. So fühlte er sich der Figur, dem Menschen Poe näher, als ob er selbst diese Erzählungen verfasst hätte.

      Auf eine Art ist THE RAVEN, den Sherlock Holmes Verfilmungen von Guy Richie mit Robert Downey jr. und Jude Law nicht unähnlich. Ein klassischer Stoff, angesiedelt im vorigen Jahrhundert wird durch moderne Optik, flotten Sprüchen und zeigefreudiger Gewalt präsentiert. Auch Cusack und Evans bilden ein Ermittlerduo, die gemeinsam die Rätsel und Morde klären, auch wenn der Zuschauer ihnen ein wenig zu weit voraus bei der Lösung ist. Andererseits wird die Gefühlswelt und Liebe Poes zu Emily Hamilton, gespielt von Alice Eve (Men in Black 3), intensiver beleuchtet und macht einen wesentlichen Teil der Geschichte aus.
      In den amerikanischen Kinos lief THE RAVEN nicht lange und bei uns kommt er nur auf DVD / Blu-ray heraus. Bild und Ton sind sehr gut abgemischt, gerade bildlich wurde mit einigen Filtern gearbeitet, um einen tristen Look herauszuholen.

      THE RAVEN ist ein guter Mystery-Thriller geworden, der Gänsehaut und Spannung bietet und gerade jedem Leser klassischer Literatur empfohlen werden kann.
      Als Bonusmaterial finden sich neben verschiedenen Dokumentationen (The Raven Presents: John Cusack & James McTeigue, The Raven Guts: Bringing Death to Life, The Madness, Misery & Mystery of Edgar Allan Poe, Behind the Beauty and Horror), Trailer und Entfernte und erweiterte Szenen.

THE RAVEN
Regie: James McTeigue
Produktion: Marc D. Evans, Trevor Macy, Aaron Ryder
Drehbuch: Ben Livingston, Hannah Shakespeare
nach Werken von: Edgar Allan Poe
Kamera: Danny Ruhlmann - Productiondesign: Roger Ford
Schnitt: Niven Howie - Musik: Lucas Vidal
Darsteller: John Cusack, Luke Evans, Alice Eve
Universum Film / USA 2012 / Länge: 110 Min.

Artikel in abgewandelter Form erstmals erschienen in: Nautilus - Abenteuer & Phantastik, www.fantasymagazin.de 

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