Sonntag, 18. November 2012

[Film Review] Dredd


DREDD 
„Ich bin das Gesetz!“ 

In einer nahen düsteren Zukunft haben die Menschen durch einen weltumspannenden Krieg die Erde fast unbewohnbar gemacht. Kontinentgroße Flächen wurden zu nuklear verseuchten Wüsten, der sogenannten „Verdammten Erde“. Die überlebenden Menschen zogen sich zusammen und gründeten Mega City’s. Eine von ihnen ist Mega City One, liegt an der Ostküste des ehemaligen Amerika und hat über 800 Millionen Bewohner. Wirtschaftliche Probleme führten dazu, das ein Großteil der Menschen mit Armut, Arbeitssuche und Ziellosigkeit zu kämpfen hat. Die Folgen sind Gewalt, Chaos und Verbrechen.


      Da die Verbrechen zu zahlreich wurden und die Polizei immer mehr die Kontrolle verlor, beschloss das herrschende militärische Richterkonzil eine neue Art Gesetzesvertreter ins Leben zu rufen – eine Elitetruppe genannt Judges. Ein Judge ist Polizist, Richter, Jury und Vollstecker in einer Person. Der Bekannteste und am meisten Gefürchtetste unter ihnen ist Judge Joseph „Joe“ Dredd. Ohne Furcht stellt er sich jedem Verbrecher und waltet stets hart Recht und Ordnung. Jeder erzittert bei seiner Stimme, wenn sie hören: „Ich bin das Gesetz!“

      Doch auch er scheint machtlos gegen die neuartige Drogenseuche in Mega City One. Die Zahl der Abhängigen nimmt zu, da der Drogenkick, die Realität in extremer Zeitlupe zu erleben, immer mehr Menschen in den Bann zieht. Die Fäden hinter der Seuche zieht die hemmungslose und unberechenbare Drogenbaronin Ma-Ma. Einzig allein Judge Dredd behält einen klaren Kopf und beschließt die Plage an der Wurzel zu packen. Zusammen mit seiner neuen Rekrutin, Cassandra Anderson, dringt er ins Herz der Slums von Mega-City One ein. Einem unberechenbaren und gefährlichen Teil der Stadt, den selbst die Judges ungern betreten. Die Beiden schlagen sich auf ihren Dienstmotorrädern, den Lawmastern, bis zum Hauptquartier von Ma-Ma, einem 200 stockigen Gebäudekomplex, vor.  Als Dredd und Anderson einen Handlanger aus Ma-Ma’s skrupellosen Clan zu fassen kriegen, entfacht diese einen erbitterten Krieg, in dem sie vor nichts zurückschreckt, um ihr Imperium zu schützen. Sie riegelt das Gebäude ab und setzt ein Kopfgeld auf die Judges aus. Zum Überleben heißt es zwei Judges gegen hunderte von mordgierigen Verbrechern. Ma-Ma schafft es Anderson gefangen zu nehmen und fordert Dredd auf, sich zu ergeben, doch das Wort aufgeben, kennt er nicht.

Anfänge
      Judge Dredd erwachte 1977 in der zweiten Ausgabe des britischen Comic-Anthologie-Magazin 2000 A.D. zum Leben. Das Magazin erschien wöchentlich und als Judge Dredd immer beliebter wurde, brachte der Verlag den Ableger Judge Dredd Magazine heraus, welches seitdem monatlich mit neuen Abenteuern aufwartet.
      Seine Schöpfer sind der Autor John Wagner und Zeichner Carlos Ezquerra. Der Name wurde von Pat Mills erdacht und war zunächst für einen anderen Charakter gedacht. Zu Ezquerras bedauern wurde Dredd’s erster Auftritt von Mike McMahon gezeichnet, worüber er so sehr beleidigt war, dass er sich die ersten fünf Jahre weigerte den Charakter zu zeichnen. Das Erscheinungsbild von Dredd wurde von Clint Eastwood’s Dirty Harry und einem Filmposter für Death Race 2000 (Frankensteins Todesrennen) inspiriert, wo eine schwarze Helmmaske fast den ganzen Kopf der Hauptfigur verdeckte. Weitere bekannte Zeichner für den Comic sind Brian Bolland, Ron Smith, Steve Dillon, Cam Kennedy und Simon Bisley.
      Judge Dredd ist ein Klon, gezeugt aus dem Genmaterial von Judge Fargo, dem Father of Justice, doch dies erschließt sich erst im Laufe der Comicgeschichte. Eigentlich müsste Dredd vom gegenwärtigen Handlungszeitpunkt her über sechzig Jahre alt sein, doch irgendwie ist der Charakter zeitlos geworden und altert nicht mehr. Besonders Merkmal von ihm ist der Spruch "I am the law!" (Ich bin das Gesetz!) und die Tatsache, dass er nie seinen Helm abnimmt. Es gab zwar Ausnahmen, zum Beispiel wo er einmal mit bandagiertem Kopf im Krankenhaus liegt und nur ein Auge zu erkennen war, doch das ganze Gesicht kennt keiner. Dies hat auch Gründe, erklärte einst John Wagner in einem Interview, denn Dredd soll die Gesichtslosigkeit der Justiz darstellen. Ähnlich der alten römischen Ikone Justitia, die als Augen verbundene Jungfrau mit Waage und Richtschwert in den Händen dargestellt wird. Im Comic wird darüber selbstironisch hergezogen, so etwa als Judge Dredd im Apocalypse-War-Zyklus von seinen Feinden niedergeschossen wird und diese ihm den Helm abnehmen, um dann festzustellen „So also sieht er aus“, bevor Dredd sie tötet. Für den Leser lag hier Dredd’s Gesicht im Dunkeln.

Leinwanddebüt
      Nachdem die Judge Dredd Comics Amerika eroberten, war es nur eine Frage der Zeit, bis Hollywood Interesse bekundete. Im Jahr 1995 kam dann Judge Dredd mit Sylvester Stallone in der Hauptrolle in die Kinos. Regie führte ein junger Danny Cannon, der später an der TV-Serie CSI – Den Tätern auf der Spur maßgebend beteiligt war. Auch wenn der Film viele negative Kritiken einstecken musste, war er an der Kinokasse ein Erfolg. Lag vielleicht an der gesunden Mischung aus Science Fiction, schwarzem Humor und reichlich Action. Erzählt wurde die Geschichte von Dredd selbst, seine Erschaffung als perfekter Judge Klon und wie Klonbruder Rico Rache an der Führung der Judges nimmt. Ursprünglich war das Drehbuch von William Wisher Jr. (Terminator) und Steven E. de Souza (Stirb Langsam) sogar für Arnold Schwarzenegger geschrieben worden.

2te Chance
      Ganze 16 Jahre lang wurde es ruhig um Judge Dredd, doch die Hoffnung der Fans ein weiteres Dredd Abenteuer auf der Leinwand zu sehen, festigte sich 2011. Zuvor hatten die Produzenten Andrew MacDonald und Allon Reich fast 2 Jahre damit verbracht, herauszufinden wer die Rechte besaß. Da sie sicher waren sie zu bekommen, heuerten sie schon früh den befreundeten Drehbuchautoren Alex Garland an, welcher bereits The Beach und 28 Days Later schrieb. „Ich wuchs mit Judge Dredd auf, war ein begeisterter Leser der Comics“, erinnert sich Garland. „Die unglaublichen Autoren und Zeichner, die an der Reihe 2000 AD arbeiteten, haben mich nachhaltig beeinflusst. Andrew, Allon und ich haben bei dieser Adaption von Judge Dredd den Schwerpunkt auf einen hohen Adrenalinfaktor und ausgeprägten Realismus gelegt, aber auch dem gewaltigen Ausmaß und dem Spektakel von Mega City One Rechnung getragen.“ Doch die Entwicklung des passenden Drehbuchs war schwerer als gedacht. „Zunächst habe ich eine Story mit einer anderen Figur aus dem ‚Dredd’-Universum konstruiert, mit Judge Death, einem Erzfeind von Dredd. Ein Jahr lang habe ich mehrere Fassungen dieses Skripts erstellt, das tatsächlich auch das Erste war, das John Wagner zu lesen bekam. Als mir aber klar wurde, dass ich die Probleme des Skripts nicht lösen konnte, wandte ich mich den Terroristen zu, die für Demokratie in Mega City One kämpfen.“ Doch dieser Ansatz war zu komplex und wurde verworfen. „Alle meine Ansätze waren einfach zu groß. Deshalb musste ich in kleineren Kategorien und an andere Geschichten denken. Und das waren eben nicht die episch und breit angelegten Geschichten, von denen es viele bei der Entwicklung der ‚Dredd’-Mythologie gegeben hatte. In der Folge setzte ich auf Reduktion und schaute mir einige der schlagkräftigeren Geschichten an, die wie Kurzgeschichten aufgebaut waren und da kam die Erleuchtung. Ich entschloss mich, einen Film zu schreiben, dessen Handlung an einem einzigen Tag spielt.“
      John Wagner sagte zur Idee: „Genau das hatte der erste Film falsch gemacht, er war im Ansatz einfach zu ausladend. Sie haben versucht, viel zu viel hineinzustecken und auf einmal zu zeigen. Alex hat das Ganze auf einen Tag im Leben Dredds abgespeckt, und das halte ich für wesentlich besser.“

      Nun konnte die Suche nach einem geeigneten Regisseur beginnen und man versuchte sich mit Duncan Jones (Source Code) zu einigen, doch die Vorstellungen gingen auseinander. Schließlich sagte Pete Travis (8 Blickwinkel) zu, der Erfahrung mit packendem dramatischem Stoff hatte und wusste, wie er eine spannende Geschichte auch visuell eindruckvoll umsetzen konnte.
      Da nur ein Budget von 40 Millionen zur Verfügung stand, konnte kein Megastar für die Hauptrolle gecastet werden. Als Karl Urban (Herr der Ringe, Priest) von dem Projekt Wind bekam, nahm er sogar selbst Kontakt auf. „Ich hatte großes Interesse an diesem Projekt, weil ich selbst die Comics gelesen hatte. Also traf ich mich mit Alex, Andrew, Allon und Pete, und hörte mir ihren Ansatz für das Projekt an. Dabei wurde mir schnell klar, dass sie eine radikal andere Strategie als die Erstverfilmung verfolgten, einen viel düstereren, realistischeren und härteren Film planten. Sie stellten sich ein hyperdynamisches Actionabenteuer vor, das deutlich näher an der Vorlage bleiben würde, und das faszinierte mich sofort.“ Wichtig war nur, dass es ihn nicht störte, sein Gesicht nicht zu zeigen, denn dies war eine Bedingung für die Rechtevergabe. „Das gehört zu den großartigsten Aspekten an Dredd, dass man eben nie seine wahre Identität sehen kann. Seit er erschaffen wurde, hat er das Gesetz gesichtslos vertreten, war er ein Mysterium. Hätte man das geändert, wäre es eben nicht Dredd gewesen.“
      Für die Rolle der jungen Judge Anwärterin Anderson, wurde die aus Independent Filmen bekannte Olivia Thirlby (Juno, The Darkest Hour) verpflichtet, da sie in den Augen der Produzenten genau die passende Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit besaß. Herausfordernd war die richtige Gegenspielerin von Dredd zu besetzen. Andrew MacDonald kam auf Lena Headey, als er sie in Game of Thrones in der Rolle der Cersei Lannister sah. Sie wusste mit vielschichtigen Rollen umzugehen und besaß einfach Charisma.

Dredd
      Die eigentlichen Dreharbeiten fanden Anfang 2011 in Südafrika statt, in den Studios, wo ebenfalls der Film District 9 entstand. Dredd in 3D zu drehen, war eine Entscheidung, die die Filmemacher aus kommerziellen Gründen trafen, obwohl niemand aus dem Kreativteam Erfahrungen mit diesem Format hatte.
      Gleich nach dem Dreh verließ Regisseur Pete Travis wegen künstlerischen Differenzen das Projekt. Alex Garland übernahm die Leitung der Nachproduktion und setzte den Film nach seinen Vorstellungen um. Folglich verzögerte er sich bis in den Herbst 2012.
      Da Dredd im Gegensatz zu Judge Dredd einen weit realistischeren und härteren, brutaleren Touch hat, können beide nicht wirklich verglichen werden. Ob deshalb Dredd ungeschnitt ins Kino kommt ist fraglich. Spürbar ist die Enge und Genauigkeit zur Vorlage. Visuell beeindrucken die Bilder, gerade, wenn flüssige Elemente wie Wasser oder der Nebel der Droge zu sehen sind. Da der Film fast nur in dem Hochhaus spielt, was u.a. am geringen Budget liegt, bleibt der Geschmack einer Bottleshow. Weiter hält sich deshalb der Science Fiction Anteil in Grenzen. Gewöhnungsbedürftig ist die Musik von Paul Leonard Morgan, die sehr elektronisch, rockig angelegt wurde, ihr fehlt ein durchgehendes Thema. Alles zusammen ergibt einen knallharten Actionfilm, was perfekt zum harten Kern von Judge Dredd passt.

DREDD
Regie: Pete Travis
Produktion: Andres Macdonald, Allon Reich
Drehbuch: Alex Garland
Kamera: Anthony Dod Mantie - Productiondesign: Mark Digby
Schnitt: Mark Eckersley - Musik: Paul Leonard Morgan
Darsteller: Karl Urban, Lena Headey, Olivia Thirlby
Universum Film / USA 2012 / Länge: 94 Min.

Artikel in abgewandelter Form erstmals erschienen in: Nautilus - Abenteuer & Phantastik, www.fantasymagazin.de 

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