Dienstag, 14. August 2012

[Film Review] Total Recall


TOTAL RECALL

Der Kinoklassiker von 1990 vom nun in einem neuen Gewand zurück in die Kino und zeigt so eine neue Seite der Geschichte.

      Die Erde der Zukunft sieht trostlos aus. Der Mensch hat sie zerstört und vergiftet, so dass die überlebenden Menschen nur noch in zwei Bereichen leben können. Zum in Der vereinten Föderation von Britannien und zum anderen in Der Kolonie, dem ehemaligen Australien. Verbunden sind diese mit einem Art gigantischen Bahn direkt durchs Erdinnere, genannt The Fall. Eine Widerstandsgruppe sorgt für Unruhe und Chancellor Cohaagen (Bryan Cranston) ist gezwungen seine Roboter Streitkräfte zu verstärken.

      All dies kümmert Douglas Quaid (Colin Farrell) nicht und sollte eigentlich glücklich sein. Er hat einen einfachen, aber guten Job in der Roboterfabrik und eine ihn liebende Ehefrau (Kate Beckinsale) zu Hause. Doch irgendwie ist er ein Schatten seiner selbst, etwas fehlt seinem Leben. Ein Auslöser sind womöglich diese immer wiederkehrenden Albträume, in denen er ein anderer Mensch ist. Schließlich beschließt er einen Urlaub zu machen, um wieder zu sich zu finden. Da erhält der den Tipp einen sogenannten Mind-Trip der Firma Rekall, die „Träume in echte Erinnerungen verwandeln kann“ auszuprobieren. Keine schlechte Idee findet er und beschließt einen Urlaub von sich selbst zu machen. Warum also nicht sich echte Erinnerungen als Superspion zu implantieren?

      Etwas geht schief und Quaid wird zum gejagten Mann. Die Welt, die er kannte und ihm zu langweilig war, verändert sich und scheint nur auf Lügen aufgebaut worden zu sein. Freunde sind auf einmal Feinde und selbst seine geliebte Frau Lori versucht ihn zu töten. Warum setzt der Führer der freien Welt, Chancellor Cohaagen, seine Leute auf ihn an und wer ist bloß dieser Hauser?
      Quaid bleibt nichts übrig, als sich mit der Widerstandskämpferin Melina (Jessica Biel) zu verbünden, um den Chef der Rebellen Matthias (Bill Nighy) für Antworten zu finden. Dabei taucht er immer tiefer in eine Welt der Rebellion und Verschwörung ein, bis er anfängt an seinem Verstand zu zweifeln. Was ist Real? Wer ist wirklich wer und was für eine Rolle spielt er überhaupt? Kann es sein das all dies nur ein gewaltiger Traum ist?

      Die Story von Total Recall ist eine actionreiche Suche nach dem eigenen Ich. Die handlungstragende Stadt New Shanghai in Der Kolonie erinnert an eine hellere Version Los Angeles aus Blade Runner. Sie wirkt sehr dicht besiedelt, eng, schmutzig und übermäßig vom Konsum geleitet und gleichzeitig wie eine einfache Arbeiterstadt. Die vereinte Föderation von Britannien ist das totale Gegenteil, sauber, geordnet und weiträumig. Die Menschen scheinen hier in zwei Welten geteilt zu sein, die der Reichen und Armen. Zwischen ihnen steht The Fall, Der Fall - welcher im englischen ein Synonym für den biblischen Sündenfall von Adam und Eva ist. Für einen einfachen Menschen ist es unmöglich auszubrechen, zu sehr haben die Oberen alles im Griff. Quaid steht für diese untere Klasse und sein Ausbruch zeigt, dass auch die reale Welt, eine Scheinwelt sein kann, die vorgaukelt ihr nicht entfliehen zu können.




Ein langer Weg zum Film

      Es war in der April Ausgabe 1966 des Pulp-Magazins „Fantasy and Science Fiction“ in der die Kurzgeschichte Erinnerungen en gros (We Can Remember It For You Wholesale) von Philip K. Dick erschien. Obwohl Dick bereits zahlreiche Geschichten in Pulp Magazinen veröffentlicht hatte, war er nur dieser Szene bekannt. Kaum zu glauben, das sich sein Bekanntheitsgrad erst mit der Verfilmung von Blade Runner 1982 änderte.
      Seine 23 seitige Kurzgeschichte handelt vom einfachen Arbeiter Douglas Quails (im Film in Quaid umbekannt, wie auch Rekal in Rekall inc.), der sich nichts sehnlicher wünscht, als den Mars zu besuchen. Weil er aber wenig Geld besitzt, entscheidet er, sich falsche Erinnerungen von der Firma Rekal ins Gehirn einzupflanzen. Um ein täuschend echtes Erlebnis gefühlt zu bekommen, bietet Rekal dem Kunden dazu sämtliche Extras, wie Fotos, Tickets oder das Ganze als anderer Mensch zu erleben. Quails entscheidet sich zu einem Trip als Geheimagent. Doch anstatt neue Erinnerungen zu übertragen, erweckt Rekal gelöschte. Quails war wirklich einst als Geheimagent und Attentäter auf dem Mars. Mit dem zurückgekehrten Wissen wird ebenfalls die Regierung über einen Transmitter in Quails Gehirn informiert und beschließt ihn zu liquidieren. Quails kann dies verhindern, indem er sich der Regierung stellt und seine ganzen Erinnerungen vollends löschen lässt. Beim löschen finden schließlich die Mitarbeiter noch etwas anderes: offenbar hat er einst eine Alien Invasion miterlebt und diese verhindert.
      Der Drehbuchautor Ron Shusett war beim lesen des Magazins so sehr von der Geschichte beeindruckt, das er sich umgehend für 1000 Dollar die Vorkaufsrechte sicherte. Bis 1976 arbeitete er an einer ersten Script-Fassung, die ihm leider nicht wirklich gefiel. Im gleichen Jahr lernte er den Autoren Dan O’Bannon kennen, der ebenfalls Probleme mit einem Script hatte. Shusett willigte unter der Bedingung ein zu helfen, wenn sie danach gemeinsam an Total Recall arbeiten. So entstand zuerst das Script zu Alien, welches Ridley Scott 1979 verfilmte.
      Bis in die Mitte der achtziger Jahre hinein schrieben sie immer wieder an Total Recall, bis letztlich Produzent Dino De Laurentiis (Conan Der Barbar, Hannibal) das Script kaufte. Viele Produzenten taten sich schwer damit, weil das Script sehr komplex und als zu teuer verfilmbar galt. Total Recall ging in die Pre-Production und sollte in Australien mit Patrick Swayze (Dirty Dancing) als Quaid gedreht werden. Regisseure wie David Cronenberg (A History of Violance), Richard Rush (The Stunt Man) und Bruce Beresford (Driving Miss Daisy) waren im Gespräch. Leider ging De Laurentiis Firma Pleite und das Projekt wurde gestoppt. Schon gebaute Sets wurden abgerissen.
In diesem Moment griff ein gerade aufstrebender Schauspieler ein, der das Projekt immer mitverfolgt hatte und ein Freund De Laurentiis war – Arnold Schwarzenegger. Schwarzenegger setzte sich mit Produzent Mario Kassar (Terminator 2) in Verbindung und überredete ihn zum Kauf des Scripts. Nun stand dem Film nichts mehr im Wege und mit Schwarzeneggers Wunschregisseur Paul Verhoeven, dessen Film Robocop er liebte, war auch einer mit dem passenden visuellen Auge und entsprechender Erfahrung gefunden. Weit über 40 Drehbuchfassungen gab es bis zur Verfilmung, wobei eine Alternative im entsprechenden Filmroman, geschrieben von Piers Anthony, zu finden ist (erschienen im Bastei Verlag 1990). Hier wurde u.a. das außerirdische Thema vermehrt hervorgehoben. Schließlich kam Total Recall 1990 in die Kinos und wurde ein riesiger Erfolg.

Fortsetzung folgt

      Schon früh wurde über eine Fortsetzung nachgedacht, die auf Philip K. Dicks Kurzgeschichte Der Minderheiten-Bericht (Minority Report) basieren sollte, doch daraus wurde nichts, weil sich Produzenten, Schwarzenegger und Verhoeven nicht einigen konnten. Letztlich sicherte sich Steven Spielberg jene Rechte und inszenierte daraus einen eigenen Film. Auch an jenem Film war Ron Shusett maßgeblich beteiligt.
     Jahre später, 1999 genauer, wurde eine kurzlebige TV-Serie mit dem Titel Total Recall 2070 ausgestrahlt. Auch wenn sie auf den Grundlagen von Erinnerungen en gros aufgebaut war, dominierten die Blade Runner Elemente.
      Erneut kehrte Ruhe ein und nur das Gerücht, das ein Remake von Total Recall angedacht war, verblieb. Erst 2009 festigte sich dieses und wurde offiziell. Für den jetzt 2012 in die Kinos kommende Film Total Recall zeichnen sich die Autoren James Vanderbilt (The Amazing Spider-Man), Mark Bomback (Stirb Langsam 4.0) und Kurt Wimmer (Equilibrium) verantwortlich. Sie haben nicht nur Philip K. Dicks vielschichtige Kurzgeschichte als Grundlage genommen, sondern auch den alten Film, wie Szenen und Bilder beweisen. Den Regie Zuschlag erhielt der mit modernem Science Fiction und Fantasy Stoff vertraute Len Wiseman (Underworld, Stirb Langsam 4.0).

Neue Realität

      Obwohl es immer wieder heißt, das der 2012er Film nur die Kurzgeschichte neu interpretiert, doch Charaktere und gleiche Szenen zeigen, das Wiseman dem Verhoeven Film seinen Respekt zollt. 1990 war in der Filmgeschichte, das Jahr, in dem die digitale Tricktechnik begann und die jetzt über 20 Jahre später immer perfekter wird. Oft fragt man sich heute: War dieser Effekt real oder nicht?
Dank der Tricktechnik, dazu die modernen Kameras und neuen Filmmöglichkeiten kann Wiseman seiner Total Recall Version einen eigenen Stil verleihen. Weiter mischt er den eindruckvollen Actionszenen und Kämpfen große Dynamik bei. Schauspielerisch greift er zwar auf hochkarätige Stars zu, die aber zum größten Teil lange keinen auffälligen Film mehr zu bieten hatten.
So schlüpft nun Colin Farrell in die Haut von Douglas Quaid, der seiner Figur etwas Verletzliches verleiht, Hemmungen hat und selbst überrascht ist, was plötzlich in ihm steckt. An seiner Seite glänzen zwei überaus attraktive Frauen, zum einen Wiseman’s Ehefrau Kate Beckinsale und als ihr Gegenpart Jessica Biel. Beide können sowohl sanft, als auch hart zuschlagen und sind weit mehr, als ein Sidekick. Gerade Beckinsale begeistert als skrupellose Lori und zeigt von sich eine ganz andere Seite. Den großen Gegenspieler mimt Charakterdarsteller Bryan Cranston, der gerade im Fernsehen mit der Rolle des Vaters aus Malcom Mittendrin eine unvergessene Figur schuf. Als Rebellenführer agiert Bil Nighy, ein guter Bekannter Wiseman’s, der schon in seinem Underworld zu sehen war. Nighy hat sich für besonders vielschichtige Rollen einen Namen gemacht. Leider kommt er ein wenig zu kurz.
      Gerade weil mit Paul Verhoeven’s Total Recall ein großes Vorbild vorliegt, sollte Len Wiseman’s Version nicht als reines Remake gesehen werden. Auch wenn 2012 andere filmerische Möglichkeiten zur Verfügung stehen, hat er den Film nicht nur in die aktuelle Zeit geholt, sondern ebenfalls den Grundstoff von einer neuen Seite beleuchtet. Dass er den Vorgänger nicht ignoriert, zeigen seine liebvollen Verbeugungen sehr deutlich. Zusätzlich bedienen sich die Macher an Filmen wie Das fünfte Element, I Robot, Minority Report und dem bereits genannten Blade Runner, aber nicht negativ, sonst benutzen viele Elemente in einer anderen sehenswerten Art.
      Der neue Total Recall gefällt durchweg. Er besitzt eine tiefgreifende Geschichte mit Charakteren und das eindruckvolle Actionszenen, die den Kern nicht überspielen, sondern untermalen.
Total Recall ist nicht in 3D, obwohl es gerade durch die Thematik „Was ist real?“ hervorragend gepasst hätte.

die neue Blu-ray (uncut)
      Da der originale Film von Schwarzenegger zu einem meiner Lieblingsfilmen zählt, bin ich sehr kritisch und kann nicht sagen, enttäuscht zu sein. Mir wurde eine neue Version gezeigt, die sich in vielen Szenen vor Verhoeven Film verneigt. Als Remake ist er wirklich gut geworden und kann von mir empfohlen werden.
      Alle Freunde des Originals werden sich freuen zu hören, dass dieser nun neu gerated wurde und nicht mehr indiziert ist, weshalb zum Filmstart die Blu-ray mit vielen Specials erscheint.

TOTAL RECALL
Regie: Len Wiseman
Produktion: Neal H. Moritz, Toby Jaffe
Drehbuch: Kurt Wimmer, Marm Bomback
Idee: Ron Shusett, Dan O'Bannon
nach der Kurzgeschichte von: Philip K. Dick
Kamera: Paul Cameron - Productiondesign: Patrick Tatopoulos
Schnitt: Christian Wagner - Musik: Harry Gregson-Williams
Darsteller: Colin Farrell, Kate Beckinsale, Jessica Biel
Sony Pictures / USA 2012 / Länge: 118 Min.

Artikel in abgewandelter Form erstmals erschienen in: Nautilus - Abenteuer & Phantastik, www.fantasymagazin.de 

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